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The Art of Vocalise

The Art of Vocalise
11.07.2027, 19:00 Uhr
Ludwigskirche (Starkenstr. 8)

Ein Liederabend (nahezu) ganz ohne Worte mit Vokalisen und Vocalizzi von Fauré, Ravel, Medtner, Rachmaninoff u.a.


Textlose Singstimmen fanden sich zuerst im Umfeld der Solfège- bzw. Solfeggio-Schule, die sich im frühen 19.Jahrhundert als Übungstechnik für die Pflege des Koloraturgesangs etabliert und zur Entstehung einer großen Anzahl von Studienwerken für Singstimme und Klavier führten.
Als eigenständige Werkgattung, also in Gestalt untextierter Lieder oder Konzertstücke für Singstimme und Klavier,gelangen Vokalisen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer gewissen Bedeutung. Die Konzertvokalise von Camille Saint-Saëns, Le rossignol et la rose aus der Theatermusik Parysatis (1902), ist vielleicht die allererste Konzertvokalise überhaupt und steht durch ihre frei-metrische Ausgestaltung und den improvisatorischen Gestus ihrer Koloraturen für sich.
Doch auch noch in den folgenden Jahren verbinden sich in Vokalisen artifizielle und studienhafte Züge – liedhafte Melodik wird kombiniert mit etüdenartigem Passagenwerk, so etwa in einer frühen Pastorale von Igor Strawinsky (1907),vor allem aber in der umfangreichen Sammlung Répertoire moderne de Vocalises-Études, welche durch Amédée-Landely Hettich, einen Gesangsprofessor am Pariser Conservatoire, initiiert und in regelmäßig erscheinenden Heften herausgegeben wird. Darin sind Beiträge der meisten bedeutenden Komponisten Frankreichs und Italiens enthalten, etwa von Gabriel Fauré, Paul Dukas, Francis Poulenc, Darius Milhaud, Maurice Ravel, Franco Alfano, Olivier Messiaen u. v.a.
Bei den Vocalises-Études handelt es sich um kurze, meist lyrische oder liedhafte Piècen, die den musikalischen Anspruch eines Chant sans paroles mit einem evidenten Übungscharakter verbinden. Einige Zeit später erscheint beim Mailänder Verlag Ricordi, gewissermaßen als Reaktion des Nachbarlandes, die mehrbändige Edition Vocalizzi nello stile moderno(1929–1933), in der Vokalisen italienischer Komponisten in großer Zahl versammelt sind. Auch diese Stücke sind einerseits Kompositionen von hohem künstlerischen Anspruch, andererseits Studienwerke zum Training des Koloraturgesangs.
Rachmaninoffs berühmte Vokalise entstand ohne einen äußeren Anlass und ist selten in der Originalfassung zu hören.
Besonders wertvoll sind schließlich die Beiträge des russischen Komponisten Nikolaj Medtner, der – offenbar unabhängig von der vorherrschenden Tendenz zur Miniatur – die Vokalise als Spezies der Kammermusik etabliert, indem er mit seinem Werkpaar op. 41, der Sonate-Vocalise (1922) und Suite-Vocalise (1927), zwei gewichtige Kompositionen für die textlos geführte Singstimme mit Klavier veröffentlicht. Diese sind nach den reizenden Cinq Mélodies Prokofieffs von 1920 zugleich die ersten mehrsätzigen Vokalisenwerke.

Die russische Koloratursopranistin Anna Nekhames hat auf der Opernbühne in der Titelrolle Aribert Reimanns Melusine zu einem Ereignis der Frankfurter Oper gemacht und gestaltet hier dieses ungewöhnliche Vokalprogramm, das die wahrscheinlich bedeutendsten Vokalisen der Musikgeschichte vereint und den Zuhörern ein ganz exklusives und einmaliges Hörerlebnis bereiten wird.


PROGRAMM:

Premier tableau : De France et d'Italie

  • Camille Saint-Saëns (1835–1921): Vocalise "Le rossignol et la rose" aus Parysatis (1902)
  • Gabriel Fauré (1845–1924): Vocalise-Étude (1906)
  • Maurice Ravel (1875–1937): Vocalise-Étude (en forme de Habanera) (1907)
  • Paul Dukas (1865–1924): Vocalise-Étude (alla Gitana) (1908)
  • Darius Milhaud (1892–1974): Vocalise-Étude (1928)
  • Franco Alfano (1875–1954): Vocalise-Étude (Neapolis) (1928)
  • Ettore Pozzoli (1873–1957): Vocalizza No. 1 (Habanera) (1929?)
  • Alfredo Casella (1883–1947): Vocalizza No. 1 (Tarantella) (1929)
  • Francis Poulenc (1899–1963): Vocalise-Étude (1929)
  • Olivier Messiaen (1908–1992): Vocalise-Étude (1935)

Deuxième tableau : À la russe

  • Igor Strawinsky (1882–1971): Pastorale (1907)
  • Sergej Prokofieff (1891–1954): aus: Cinq Mélodies op. 35 (1920)
    I Andante
    II Lento, ma non troppo
    III Animato, ma non allegro
  • Nikolaj Medtner (1879–1951): Sonate-Vocalise op. 41,1 (1922)
    I Geweihter Platz (J.W. Goethe) – Allegretto tranquillo e sereno
    II Allegro cantabile e con moto
  • Sergej Rachmaninoff (1873–1943): Vocalise op. 34,14 (1912)

Sopran: Anna Nekhames

Klavier: Klaus Simon

Foto: Barbara Aumüller